#Drop17 – Der Mitarbeiter, den du nie gekündigt hast – was innere Anteile mit dir machen

Kennst du das Gefühl, gegen einen Teil von dir selbst anzukämpfen – und trotzdem nie wirklich zu gewinnen? Die Wut, die immer wieder hochkommt, obwohl du sie längst „im Griff“ haben wolltest. Die Eifersucht, die lauter wird, je mehr du sie wegschieben willst. Der innere Kritiker, der sich einfach nicht abschalten lässt.

Die Analogie vom Faxmann, die innere Anteile so anschaulich macht, habe ich in meiner Coaching-Ausbildung von Michael „Curse“ Kurth gehört, der dort als Gastredner zu Besuch war. Sie ist einfach, fast ein bisschen skurril – und trotzdem so treffend, dass sie lange nachwirkt. Ich erzähle sie dir mit meinen eigenen Worten. Wenn dich seine Arbeit interessiert, kann ich dir seinen Podcast Meditation, Coaching & Life sehr empfehlen.

Altes Faxgerät mit Schreibmaschine – Symbolbild für innere Anteile, die einst wichtig waren
Inhaltsverzeichnis
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    1. Eine Geschichte über eine alte Firma – und einen Mitarbeiter, den keiner mehr braucht

    Stell dir vor, du leitest eine große Firma. Ein paar hundert Mitarbeitende, viele davon schon seit Jahrzehnten dabei. Die Firma hast du irgendwann von deinen Eltern übernommen, manche Gesichter kennst du von früher, andere sind neu dazugekommen.

    Irgendwo in diesem Gebäude, in einem eigenen Raum voller Geräte, sitzt ein Mensch, den wir hier einfach den Faxmann nennen. Früher war er unverzichtbar. Die gesamte Kommunikation deiner Firma lief über ihn – alles, was reinkam, alles, was rausging. Du erinnerst dich sogar noch daran, wie du als jüngerer Mensch zu ihm aufgeschaut hast: gut gekleidet, mit einer eigenen Ausstrahlung, immer verlässlich.

    Doch die Zeiten haben sich geändert. E-Mail, Chat, alles läuft heute anders. Der Faxmann steht immer noch in seinem Raum, zwischen ungenutzten Geräten, verbraucht Strom, bestellt Papier, das niemand mehr braucht. Und weil kaum jemand mehr bei ihm vorbeischaut, beginnt er, sich anders bemerkbar zu machen. Er pöbelt Kolleginnen und Kollegen an, wenn sie am Flur vorbeigehen. Er sorgt für schlechte Stimmung. Die ersten Beschwerden erreichen dich. Deine erste Idee: kündigen. Du gehst hin, willst ihn loswerden. Doch der Faxmann wehrt sich – ein alter Vertrag, gute Beziehungen im Betriebsrat, plötzlich wird es laut und unangenehm. Du ziehst dich zurück, unsicher, wie es weitergehen soll.

    Und dann, während du darüber nachdenkst, wird dir etwas klar: Dieser Mensch war einmal der wichtigste in deiner ganzen Firma. Er hat dir wirklich geholfen, genau dann, als du ihn gebraucht hast. Also gehst du noch einmal zu ihm hin – diesmal anders. Du dankst ihm. Feierst eine kleine Zeremonie zu seinen Ehren, würdigst, was er all die Jahre geleistet hat. Und dann schickst du ihn in den wohlverdienten Ruhestand – in ein schönes Hotel in den Bergen, die er so liebt. Ein Telefon gibst du ihm mit, das nur in eine Richtung funktioniert: Du kannst ihn jederzeit erreichen, wenn du ihn brauchst. Er kann dich nicht mehr anrufen. Der Faxmann ist zufrieden. Der Raum wird frei für etwas Neues. Alle sind erleichtert.

    2. Was diese Geschichte über innere Anteile verrät

    Diese Geschichte ist mehr als eine nette Analogie zum Thema Betriebsorganisation. Sie beschreibt sehr genau, wie wir mit unangenehmen Anteilen unserer eigenen Persönlichkeit umgehen – mit unserer Wut, unserer Angst, unserer Eifersucht, unserem inneren Kritiker.

    Unbequeme innere Anteile waren einmal wichtig. Sie gehören zu einem komplexen, in sich stimmigen Ganzen – vergleichbar mit einer großen Firma, in der viele unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten. Manche dieser inneren Anteile stehen im Vordergrund, andere im Schatten. Und genau die Anteile, die wir am liebsten ignorieren würden, fangen irgendwann an, lauter zu werden. Hinter dem Lärm steckt keine böse Absicht. Innere Anteile, die niemand beachtet, melden sich wie der Faxmann auf ihre eigene Weise zu Wort: Ich bin noch da. Ich bin wichtig. Ich brauche eine Aufgabe.

    3. Woher innere Anteile wirklich kommen

    In der Psychologie gibt es dafür ein sehr anschauliches Modell, das ursprünglich aus Deutschland stammt: das „Innere Team“ des Hamburger Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun. Es beschreibt genau dieses Bild – eine Vielzahl innerer Stimmen und Persönlichkeitsanteile, die miteinander im Austausch stehen, sich manchmal unterstützen und manchmal in Konflikt geraten.

    Ein verwandtes, ebenfalls sehr verbreitetes Modell ist das Internal-Family-Systems-Konzept des amerikanischen Therapeuten Richard C. Schwartz. Seine Grundannahme: Innere Anteile sind nie grundsätzlich schlecht. Jeder Anteil hat irgendwann eine Funktion übernommen, meist in einer Zeit, in der wir sie wirklich gebraucht haben.

    Häufig entstehen diese Muster in der Kindheit. Als kleine Kinder können wir Gefühle noch nicht bewusst steuern oder einordnen. Wir orientieren uns an dem, was um uns herum passiert – an dem, was Zuwendung bringt, und an dem, was auf Ablehnung stößt. Manche Kinder lernen, laut zu werden, um gesehen zu werden. Andere ziehen sich zurück. Beides sind kluge Anpassungen an eine Situation, die damals genau diese Strategie gebraucht hat.

    Es geht dabei nicht darum, jedes Gefühl bis in die letzte Kindheitserinnerung zurückzuverfolgen. Die eigentliche Erkenntnis ist einfacher: Was heute in dir laut wird, hatte einmal einen guten Grund. Du hast diesen Anteil nicht aus Versehen „eingestellt“ – er sollte dir helfen.

    4. Warum Bekämpfen den Lärm nur lauter macht

    Der naheliegende Reflex, wenn innere Anteile von uns stört, ist der gleiche wie in der Geschichte: kündigen. Wegdrücken. Nicht mehr hinschauen. Nur führt das selten zu Ruhe – im Gegenteil.

    Innere Anteile, der ignoriert wird, meldet sich meist umso deutlicher zurück. Die Eifersucht, die du unterdrückst, wird nicht leiser, sie sucht sich einen anderen Weg, gehört zu werden. Der innere Kritiker, den du zum Schweigen bringen willst, wird hartnäckiger. Was du innerlich bekämpfst, bindet Kraft – Kraft, die eigentlich für andere Anteile von dir gebraucht würde, für Nähe, für Kreativität, für Ruhe.

    5. Der andere Weg: würdigen statt loswerden

    Der zweite Weg aus der Geschichte ist unbequemer, aber nachhaltiger: Hinsehen. Anerkennen, dass da etwas ist, das einmal gebraucht wurde. Und diesem Anteil dann einen neuen, kleineren, passenderen Platz geben – statt ihn komplett aus deinem System verbannen zu wollen.

    „Das merkwürdige Paradox ist, dass ich mich verändern kann, wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin.“ – Carl Rogers

    Das bedeutet nicht, jede Wutreaktion oder jede Eifersucht einfach geschehen zu lassen. Es bedeutet, dem Anteil innerlich zu begegnen, bevor du entscheidest, wie du mit ihm umgehst. Wie bei einem Mitarbeiter, der lange gute Dienste geleistet hat: Respekt zuerst, dann eine neue Aufgabenbeschreibung.

    6. Reflexionsübung: Deinem inneren Faxmann begegnen

    Nimm dir ein paar ruhige Minuten für diese Fragen. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten.

    • Welcher Anteil in dir meldet sich in letzter Zeit besonders laut – als Wut, als Rückzug, als ständige Sorge?
    • Wofür könnte dieser Anteil früher einmal gut gewesen sein?
    • Was hat er wahrscheinlich für dich sichern wollen – Sicherheit, Nähe, Kontrolle, Anerkennung?
    • Wenn du ihm heute begegnen würdest wie einem verdienten, aber pensionierten Mitarbeiter – was würdest du ihm sagen?

    7. Wenn aus Wut Kraft wird

    Das Schöne an diesem Blick: Innere Anteile müssen nicht verschwinden, um wertvoll für dich zu sein. Viele lassen sich transformieren, statt abgeschafft zu werden. Wut zum Beispiel kann unglaublich schöpferisch sein, wenn sie einen neuen Ausdruck findet – als Klarheit, mit der du eine Grenze setzt, oder als Energie, die dich für etwas einsetzen lässt, das dir wichtig ist. Eifersucht kann, einmal verstanden, zu einem sehr genauen Gespür dafür werden, was du in einer Beziehung wirklich brauchst.

    8. Fazit

    Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser kleinen Firmengeschichte: Nichts an dir ist einfach nur störend. Jeder Anteil, auch der unbequeme, hat irgendwann einmal versucht, dir zu helfen. Ihn zu sehen, ihm zu danken und ihm dann einen neuen Platz zu geben, ist oft der wirksamere Weg – und einer, der dir Kraft zurückgibt.

    Manche Themen lassen sich gut allein betrachten. Bei anderen hilft eine zweite Perspektive, und das ist ganz normal. Dich dabei begleiten zu lassen, sei es von vertrauten Menschen, in einem Coaching oder in einer Therapie, gehört zu einem achtsamen Umgang mit dir selbst. Gerade wenn alte Verletzungen berührt werden, tut es gut, jemanden an der Seite zu haben, der geübt darin ist, gemeinsam mit dir hinzuschauen.

    9. Weiterführende Informationen

    Bücher

    YouTube

    💭 Denk daran: Das hier sind Impulse.
    Nimm dir einen Moment – prüfe, hinterfrage und spüre, was für dich stimmig ist.
    Bleib neugierig. Nimm mit, was dich weiterbringt; der Rest darf ziehen.


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